Wie alt bist du wirklich? Rehwildbejagung im Mai

Foto: Erich Marek

Statt die Jagdzeit mit dem Erlegen eines älteren Bockes einzuleiten, sollten wir uns erst einmal den einjährigen Stücken widmen. Denn deren frühzeitiger Abschuss kommt dem ganzen Bestand zugute.

Mit zunehmender Vegetation wächst auch der Äsungsbedarf des Rehwildes an. Bedingt wird dies vorrangig durch den wieder intensiveren Stoffwechsel und den hohen Energieverbrauch aufgrund vermehrter Bewegungsaktivität.

Außerdem müssen die in der kargen Jahreszeit eingeschmolzenen Energiereserven erneuert und Körpersubstanz aufgebaut werden. So erhöht sich zum Beispiel bei Schmalrehen die täglich aufgenommene Äsungsmenge zwischen März und Juni etwa um ein Drittel bis fast die Hälfte.

Noch höhere Äsungsansprüche haben im Frühjahr die Ricken, die zusätzlich große Nähr- und Mineralstoffmengen für die schnell wachsenden Föten und später für die Milchbildung benötigen. In Fütterungsversuchen haben zwei- bis dreijährige führende Ricken im Mai und Juni doppelt so viel Äsung aufgenommen wie gleichaltrige weibliche Stücke ohne Kitze.

WENIGER KONKURRENZ UM ÄSUNG
Von Natur aus ist das Rehwild auf die Aufnahme nährstoffreicher, leicht verdaulicher Äsung angewiesen („Konzentratselektierer“). Ab dem späten Frühjahr schränkt jedoch in vielen Revieren das fortschreitende Vegetationsstadium das natürliche Angebot an solcher Äsung immer mehr ein. Deshalb kommt es in dieser Zeit vor allem in Gebieten mit hohen Rehdichten zu einer Äsungskonkurrenz, die sich zum Sommer hin noch verschärft. Betroffen davon sind in erster Linie die führenden Ricken und indirekt auch ihre Kitze, deren körperliche Entwicklung von der Kondition und Leistungsfähigkeit der Mutter abhängt.

Schwache Stücke stellen somit eine Äsungskonkurrenz dar. Deshalb hilft eine konsequente Entnahme von überzähligen Jährlingsböcken und Schmalrehen, einen qualitativ guten Rehbestand aufzubauen.

Eine frühzeitige Entnahme der Schmalrehe und Jährlinge ist auch jagdwirtschaftlich sinnvoll. Zu Aufgang der Jagdzeit ist eine selektive Bejagung der schwächeren Stücke leichter umzusetzen als später im Jahr.

Im späten Frühjahr lassen sich Kondition und Konstitution des Rehwildes am besten beurteilen. Außerdem sind die Schmalrehe jetzt gut von den hochbeschlagenen oder bereits führenden Altricken zu unterscheiden. Zugleich lassen sich die Stücke durch ihre erhöhte Aktivität und das längere Tageslicht gut ansprechen und erlegen.

KONDITION BEEINFLUSST HAARWECHSEL
Die wichtigsten Selektionsmerkmale sind die körperliche Entwicklung, der Verlauf des Haarwechsels sowie das Verhalten der Stücke. Jährlingsböcke sollten nicht ausschließlich nach ihrem Gehörn beurteilt werden, ohne die eben genannten Punkte auch mit in Betracht zu ziehen. Eine schwache Gehörnentwicklung bei jungen Böcken bedeutet nämlich nicht zwangsläufig, dass sie keine gute Veranlagung zur Geweihbildung haben. Insbesondere bei den jungen Böcken ist die Gehörnstärke stark vom sozialen Status und von den Umweltbedingungen abhängig.

In einem Lebensraum mit einer hohen Wilddichte, ohne Ausweichmöglichkeiten, werden oft gerade die gut entwickelten jungen Böcke, die sogenannten Zukunftsböcke, von den territorialen Altböcken stark unterdrückt.

Untersuchungen an gleichaltrigenRehen haben zwar gezeigt, dass beim zeitlichen Ablauf des Haarwechsels durchaus individuelle Unterschiede bestehen, dennoch ist im Allgemeinen ein verzögerter Haarwechsel bei einjährigem Rehwild, im Herbst auch bei Kitzen, tatsächlich ein deutliches Zeichen für eine schlechtere körperliche Verfassung. Beschlagene sowie führende Ricken verfärben jedoch auch bei guter Kondition später als anderes Rehwild. Das sollte ihnen also nicht angekreidet werden.

Bei einem frühzeitigen Beginn der Jagdausübung sollte allerdings der planmäßige Abschuss möglichst in kurzer Zeit durchgeführt werden, damit danach wieder mehr Ruhe im Revier herrscht. Eine ständige flächendeckende und intensive Bejagung über die gesamte Jagdzeit hinweg ist kontraproduktiv, da die anhaltende Beunruhigung negative Auswirkungen auf die Konstitution des Rehwildes und erhöhte Wildschäden zur Folge haben kann.

SORGFALT BEI SCHMALREHEN
Mit dem 1. Mai (16. April in Sachsen) geht die Jagdzeit nicht nur auf den Rehbock auf, sondern auch Schmalrehe (Ausnahmen: Bremen und Schleswig-Holstein) haben in diesem Monat Jagdzeit.

Verlangt das genaue Ansprechen und Einstufen eines Rehbockes schon einige Erfahrung, so ist beim Schmalreh eine noch größere Sorgfalt angebracht! Jagdrechtliche und auch ethische Grundsätze verpflichten uns, auch nicht aus Versehen eine führende „schmale“ Ricke zu erlegen.

BLICK ZWISCHEN DIE KEULEN
In diesen Wochen ist für jeden Jäger – unabhängig davon, ob er erst einige wenige Schmalrehe erlegt hat oder bereits über langjährige Erfahrung im Ansprechen weiblichen Rehwildes verfügt – der Blick spitz von hinten zwischen die Hinterläufe des weiblichen Stückes oberstes Gebot. Eine führende Ricke zeigt eine deutlich erkennbare Spinne. Das Gesäuge bildet sich bereits mehrere Tage vor dem Setzen und ist – je nach Veranlagung des weiblichen Stückes – zwei bis drei Monate oder gar bis in den Frühwinter hinein sichtbar.

Außer der fehlenden Spinne haben Schmalrehe Körpermerkmale und auch Verhaltensweisen, die bei jungen oder schwachen Ricken weniger ausgeprägt oder nicht (mehr) vorhanden sind. Sie zeigen in aller Regel ein vertrautes Verhalten, sind mehr tagaktiv als ältere Stücke, neigen zur Verspieltheit und verhoffen bei einer Störung oder Gefahr wiederholt, bevor sie in Deckung flüchten.

Das Schrecken gewöhnen sie sich erst nach und nach an. Auf der Suche nach einem eigenen Einstand tauchen Schmalrehe mit einem jungen Bock manchmal weit entfernt von ihrer „Kinderstube“ auf. Gar nicht selten besiedeln sie sogar bislang rehwildfreie Gebiete, insbesondere in der Feldflur.

Diese Kennzeichen sind jedoch nur mit Einschränkungen zu verallgemeinern. Auch das Verfärben gibt – wie bereits gesagt – keinen eindeutigen Hinweis. Als Folge eines strengen Winters können Schmalrehe noch bis weit in den Mai, oft auch bis in den Juni hinein das graue Winterhaar tragen. Schmalrehe sind, wie ihr Name schon sagt, im Vergleich zu älteren Artgenossinnen eher zierlich und schlank. Ihre Bauchlinie ist noch gerade, nicht mehr oder weniger nach unten gewölbt, und steigt vielfach von der Brust nach hinten zu den Keulen leicht an.

Ihre Vorderläufe stehen beim Äsen oft ganz eng beieinander. Auf einem schwachen Träger sitzt ein kurzes Haupt, das oft noch die Andeutung des blasenförmig vorgewölbten Oberschädels eines Kitzes aufweist. Der helle Fleck vorne am Träger ist kleiner als bei einem älteren Stück. Die Schürze ist ebenfalls klein und kurz.

Kurzum: Von vorne oder von hinten betrachtet, macht ein Schmalreh seinem Namen alle Ehre.

UNTERKIEFER ALS BEWEISMITTEL
Aber auch diese körperlichen Merkmale sind vor allem im Vergleich zu einer jungen, im Wildbret schwachen Ricke keine absolut sicheren Erkennungszeichen. Den Beweis, wirklich ein Schmalreh vor sich zu haben, liefert letztlich allein der Unterkiefer, der dann bei einem im Mai erlegten Stück noch den dreiteiligen vierten („dritten“) Prämolar aufweist oder die drei vorderen Backenzähne gerade wechselt. Tritt ein Schmalreh gemeinsam mit einer beschlagenen „runden“ Ricke aus, ist der deutlich schwächere Nachwuch aus dem vergangenen Jahr im Vergleich mit der Mutter einfach anzusprechen.

Nachdem sie von ihren Mütter abgeschlagen wurden, finden sich später im Jahr manchmal Schmalreh und Jährlingsbock, oft auch mehrere davon, zu sogenannten Junggesellensprüngen oder -trupps zusammen. Sie behalten auch noch eine Zeit lang den Hang zur Geselligkeit.

Selbst einem erfahrenen Jäger kann es passieren, dass er ein schwächeres, nicht führendes weibliches Stück erlegt. Nach dem Blick auf den Unterkiefer entpuppt es sich jedoch als zweijährig.

Möglicherweise ist dieses Stück im Jahr zuvor als Schmalreh nicht beschlagen worden oder es hat nicht aufgenommen. Für den Schmalrehabschuss gilt deshalb mehr denn je der Grundsatz: Im Zweifelsfall den Finger lieber gerade lassen!
Dr. Dieter Bartsch

Foto: Erich Marekt
Foto: Erich Marek

Altersansprache bei Rehböcken