Raunacht

Raunacht-Mythen

Von der Heiligen Nacht bis zu den Heiligen Drei Königen spannen sich laut alter Sagen die zwölf Raunächte. Und dann tobt am Himmel auch die Wilde Jagd.

„Das Wilde Heer“ in der Wolfsschlucht-Szene der Weber-Oper „Der Freischütz“: Zeitgenössische Illustration von Johann Heinrich Ramberg. Illustration: Wikipedia
„Das Wilde Heer“ in der Wolfsschlucht-Szene der Weber-Oper „Der Freischütz“: Zeitgenössische Illustration von Johann Heinrich Ramberg.
Illustration: Wikipedia

Die ruhige Weihnachtszeit, die zur Entschleunigung – statt zum Konsumstress – einlädt, mahnt zum Besinnen auf unsere kulturellen Wurzeln. Denken wir dabei einmal darüber nach, wie sehr unser uraltes Jagdhandwerk mit unserer Volkskultur verflochten ist. Wie viele Jagdlieder etwa sind Allgemeingut geworden?! Im Gegenzug haben Dichter und Komponisten uns Jäger beschenkt. Ein Beispiel ist der Jägerchor aus Webers Oper „Der Freischütz“. Und bei deren „Wolfsschluchtszene“ hetzt beim satanischen Freikugelgießen am Nachthimmel als ein Schreckenszeichen die Wilde Jagd vorüber. Worum es sich beim Wilden Heer, der Wilden Jagd, handelt – dazu später mehr.

Doch  zunächst  zu  den  Tagen  und  Nächten  „zwischen  den  Jahren“,  also  Heiliger  Nacht  und  Heilige  Drei  Könige  (6. Januar):  den „Zwölften“. Raunächte werden sie in Bayern und Österreich stimmungsvoll geheißen. Die Ursprünge finden sich in der germanischen Kultur.  Letztlich gab es entsprechende Sagen und sich daraus ableitende Bräuche in allen deutschsprachigen – katholischen wie protestantischen – Regionen.

Familien und Nachbarn rückten zum Singen, Feiern, zur inneren Einkehr und nicht zuletzt zum Beten zusammen: Kurzum – es galt, sich vor umgehenden bösen Geistern und Hexen zu schützen. Hierzu zählte das Räuchern in Haus und Stall: etwa  durch  einen  Priester  mit  Weihrauch  oder  durch  den  Bauern beispielsweise mit Wacholder. Der Name der Raunächte (Rauh = Rauch) leitet sich vermutlich aber nicht daher ab, sondern vom älteren Brauch der Lärm- und Maskenumzüge, wo sich mit Fellen – Rauchwaren! – bekleidete haarige Dämonsgestalten austobten.

Mit  den  Raunächten  wiederum  sind  jeweils  alle  24  Stunden  dieser  Wintertage  gemeint, beginnend mit Mitternacht zwischen Heiligabend und 1. Weihnachtsfeiertag. Was man in der soundsovielten Nacht (Losnächte; Losen = Vorhersagen) träumte, würde sich im entsprechenden Monat ereignen. Kundige Beobachter nutzten allerlei  mögliche  Erscheinungen  wie  das  Wetter zu Voraussagen fürs neue Jahr.

Die Arbeit auf dem Hof beschränkte sich auf das Nötigste. Maschinen mit Drehmechanismus  standen  still,  sonst  bekäme  das Vieh den „Dreh“ im Kopf. Überregional war man sich einig, in den Raunächten nicht zu waschen und die Wäsche zum Trocknen aufzuhängen: Ansonsten müsste im neuen Jahr ein Familienmitglied oder ein Nachbar sterben. Das Kartenspiel hatte ebenfalls strikt zu ruhen.

Prüfender Blick gen Himmel

„Der Wilde Jäger“: Historische Postkarte (Verlag R. Lederbogen, Halberstadt). Zeichnung: zeno.org (Zenodot Verlagsgesellschaft mbH)
„Der Wilde Jäger“: Historische Postkarte (Verlag R. Lederbogen, Halberstadt).
Zeichnung: zeno.org (Zenodot Verlagsgesellschaft mbH)

Und vor allem: Wer vor die Tür trat, tat gut daran, den Himmel zu betrachten – schließlich konnte sich in Sturmgebraus aus Wolkenbänken die Wilde Jagd nähern…

Ehrfurchtsvoll mochten schon die alten Germanen in blitzdurchzuckte wallende Wetterfronten geschaut haben, um dort Sturm- und Totengott Wotan/Odin mit Gefolge aus gefallenen Helden wie Hingerichteten zu erblicken. Aber nicht nur im deutschsprachigen Kulturraum und den Nordländern ist die Wilde Jagd seit alters her ein Begriff, sie findet sich in etwa auch in England, Frankreich oder Italien.

Die  Christianisierung  führte  zu  einer  „Kriminalisierung“  der Sagengestalten: in einen höllischen Jäger mit Teufelszügen, begleitet von Zauberern, Hexen, Ketzern, ungetauft Gestorbenen. Wer die Wilde Jagd am Himmel zu sehen meinte, fürchtete bestenfalls übel gefoppt, schlimmstenfalls getötet zu werden. Etliche Sagen aus Mittelalter und Neuzeit geben dem Himmelreiter  Namen  mit  Regional-Bezug:  Da  ist  von  Perndietrich, Rübezahl, Hacklbernt (= der Manteltragende = Wotan) und Schimmelreiter die Rede. Der Rodensteiner, der bei seinen Jagden zu Pferde keine Rücksicht auf die Felder nahm, wurde von den Bauern später an den Himmel projiziert. Ungestüme Jäger, die das Karfreitags-Jagdverbot missachteten, erlangten Verdammnis in der Wilden Jagd. In Deutschland kam es seit dem 13. Jahrhundert zur Niederschrift der Sagen. BEURMANN hat eine Reihe von ihnen lesenswert  aufbereitet.  In  der  Volkskunde  haben  die  Erklärungsbemühungen der Sagen und Bräuche zum nächtlichen Reiter und dessen Gefolge  zu  zahlreichen,  teils  gegensätzlichen  Forscherstandpunkten geführt. Es ist wohl nicht zu weit hergeholt, in den Überlieferungen die Ängste unserer Vorfahren gegenüber  der  sturmdurchtobten,  dunklen  Winterszeit zu sehen.

Bitte nur milde lächeln

Im Befreiungskrieg gegen Napoleon (1813) setzte Karl Theodor Körner  den  Freiwilligen  Jägern  mit  dem  Lied „Lützows wilde, verwegene Jagd“ ein Denkmal – unüberhörbar sind dabei symbolische Anlehnungen ans Wilde Heer. Heute wird manch verstädterter Zeitgenosse über die Mythen und Bräuche unserer Altvorderen  spöttisch  lächeln.  Doch  aus  denen  spricht  letztlich  Demut  gegenüber  einer übermächtigen Natur. Diese ließ sich das  „täglich  Brot“  nur  unter  Beharrlichkeit abringen. Werfen wir unsere Sagen, die davon künden, nicht als ideellen Ballast fort! Werben wir Jäger – zu unserem eigenen Bestandsschutz – für ein „Weltkulturerbe Jagd“. Wir können dies nur unter Verweis auf die viele Jahrhunderte alten Wurzeln unseres Handwerks. Das aber spiegelt sich kulturell auch in Märchen, Sagen und Liedern wider. Sollten wir also über Raunächte und Wilde Jagd lächeln wollen – dann bitte höchstens milde.

Hartmut Syskowski