MIT STRATEGIE ZUM ERFOLG

Foto: Shaftinaction/stock.adobe.com

Die Reproduktion ist Dreh- und Angelpunkt des Lebens. Wie die unterschiedlichen Fortpflanzungsstrategien unserer bekannten Cerviden- Arten sich voneinander unterscheiden, wird im Folgenden erklärt.

Entwicklungsgeschichtlich betrachtet, ist die wichtigste Aufgabe jedes einzelnen Lebewesens, sich fortzupflanzen und damit sein Erbgut in die nächste Generation einzubringen. Dazu haben sich unterschiedliche Strategien entwickelt, abhängig von den vorherrschenden Sozialsystemen, die sich wiederum beeinflusst von den herrschenden Umweltbedingungen entwickeln.

Die Reproduktionsphase ist mit enormen körperlichen Anstrengungen und dem Mobilisieren von Kraftreserven verbunden, sodass in dieser Zeitspanne der Energiebedarf stark erhöht ist. Folglich sind das Zusammenspiel des passenden Zeitpunkts, der richtigen Partnerwahl und das Vorhandensein ausreichender Energien für den Erfolg entscheidend.

Jede Schalenwildart hat ihre eigenen Vorlieben, sich fortzupflanzen. Rehwild bevorzugt eher die heißen Tage im Juli / August. Hingegen geht es beim Gams- und beim Steinwild erst in der kalten Jahreszeit richtig zur Sache.

Im Folgenden wird auf Vorlieben, Tragzeiten und Zahl der Jungtiere bei den bekannten Cerviden-Arten eingegangen. Die Strategien der Boviden (Gams-, Stein- und Muffelwild) sowie die der Suiden (Schwarzwild) finden Sie unter www.aufgespuert. com.

Dr. Janosch Arnold

 

DR. JANOSCH ARNOLD

ist Leiter der Wildforschungsstelle des Landes Baden-Württemberg am LAZBW (Landwirtschaftliches Zentrum Baden- Württemberg) in Aulendorf.

Mit seinem Team betreibt er nicht nur angewandte Wildtierforschung, sondern fungiert insbesondere als Schnittstelle zwischen Jägern, Landwirten, Naturschützern, Kommunen, Grundeigentümern und Behörden.

Des Weiteren erstellt die Wildforschungsstelle die Jagdstatistik für das Land Baden- Württemberg und bietet Seminare und Fortbildungen an.

http://www.landwirtschaftbw. i n f o / p b / M L R . L A Z _ BW,Lde/Startseite/Themen/ Wildforschungsstelle

 

R O T W I L D

Ob in der Kunst oder der Literatur, der „röhrende Hirsch“ hat die Menschen seit Jahrhunderten beschäftigt. Und dies aus gutem Grund, stellt doch die Brunft des Rotwilds ein für jedermann imposantes Naturschauspiel dar.

Foto: Shaftinaction/stock.adobe.com
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Bis auf den einen einschneidenden Zeitabschnitt im Jahr, die Brunft, gehen weibliche und männliche geschlechtsreife Tiere aber getrennte Wege. Auf der einen Seite bilden sich Kahlwildrudel, bestehend aus den weiblichen Tieren mit dem Nachwuchs des aktuellen Jahres, auf der anderen Seite steht das Hirschrudel mit Hirschen aus den verschiedenen Altersklassen. Trotz dieser Trennung halten die Geschlechter Kontakt zueinander, sodass die beiden Rudel nie weit voneinander entfernt stehen.

Ende September/Anfang Oktober ist es dann so weit. Die Brunft selbst wird durch den Zerfall der Feisthirschrudel eingeleitet. Der steigende Testosteronspiegel schlägt sich auf die Gemüter der Tiere nieder. Besonders die älteren Hirsche werden unverträglich und verlassen das Feistrudel zuerst. Meist ziehen die Tiere zu speziellen Brunftplätzen, die sie zum Teil bereits seit Jahren aufsuchen. Als Bühne für den folgenden Akt wählen die Hirsche oft ebene offene Stellen, die reichlich Äsung bieten. Der Platzhirsch beansprucht den Brunftplatz für sich. Die schwächeren und jüngeren Beihirsche tun gut daran, Abstand zu halten. Das Imponierverhalten besteht aus dem typischen Röhren und Imponiergesten wie dem Parallelschreiten. Bei gleich starken Tieren kommt es mitunter zu ausdauernden Brunftkämpfen, die zu schweren Forkelverletzungen führen können.

Foto: Nicky Rhodes/stock.adobe.com
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Seit Jahrzehnten studieren der englische Zoologe Tim H. Clutton-Brock und seine Mitarbeiter das Verhalten von Rotwild auf der schottischen Isle of Rum. Die Langzeitstudie dürfte die detaillierteste Arbeit im Bereich der Rotwildforschung darstellen. Clutton-Brock konnte unter anderem nachweisen, dass das uns so bekannte Röhren der Hirsche ein Indikator für die Stärke eines jeden Individuums ist. Die Geweihten können sich gegenseitig anhand der Intensität der Rufe einschätzen. Erst wenn ein Gegner nicht eindeutig als der Stärkere identifiziert werden kann, also eine vermeintliche Chance für eine Übernahme des Brunftrudels besteht, wird der Herausforderer den Kampf wagen. Untersuchungen an der Uni Sussex zeigten, dass weibliche Stücke von der Tonausprägung der Lautäußerungen auf die Größe eines Hirsches schließen können und größere Hirsche favorisieren. Während der Hochbrunft nimmt der Hirsch kaum Äsung auf, was zu Gewichtsverlusten führt.

Nach achteinhalb Monaten wird im Juni meist ein Kalb gesetzt, selten zwei. Das Erreichen der Geschlechtsreife ist unter anderem äsungsbedingt. Daher ist die Habitatqualität für die Ausreifung des Wildes entscheidend. In Mitteleuropa sind Schmaltiere bereits geschlechtsreif, wohingegen schottische Tiere erst ab drei Jahren in den Reproduktionskreislauf eintreten.

 

S I K A W I L D

Dieser Exot aus Asien ist bei uns nur in vereinzelten Beständen anzutreffen. Sikawild hat ein enorm variables Sozialgefüge: Man findet Stücke, die sich in Gruppen zusammenschließen, genauso häufig wie einzeln lebende Individuen. Zum Setzen bilden zwei bis drei weibliche Tiere kleine Gruppen, die stabiler als die losen Verbände der Hirsche sind. Zwischen Mitte September und Dezember ist das Sikawild in Brunftstimmung. Die Hauptaktivität fällt allerdings in den Oktober. In der Regel dauert die Brunft sechs Wochen. In dieser Zeit kann es zu heftigen Kämpfen kommen, die nicht selten mit Stangenbrüchen und Forkelverletzungen enden, zuweilen sogar tödlich.

Foto: Lilian/stock.adobe.com
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Nicht nur im Parallelschreiten ähnelt es im Verhalten dem Rotwild. In Gegenden, in denen beide Arten vorkommen, besteht sogar die Gefahr der Hybridisierung.

Während der Brunft stoßen Sikahirsche hohe bis schrille Schreie aus, die drei bis vier Sekunden anhalten und alle zwei bis drei Minuten wiederholt werden. Das ausgeprägte Repertoire an Lautäußerungen zählt somit zu den umfangreichsten unter den Cerviden. Nach einer Tragzeit von 30 Wochen wird meist ein Kalb gesetzt, dass bis zu zehn Monate gesäugt wird. Zwillingsgeburten kommen nur selten vor. Die Setzzeit fällt meist in den Mai und Juni, jedoch werden ab und an auch Kälber bis in den August gesetzt. Mit etwa 16 bis 18 Monaten erreicht das Sikawild die Geschlechtsreife.

Foto: Erni/stock.adobe.com
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R E H W I L D

Die Blattzeit des Rehwildes (Mitte Juli bis Mitte August) hängt mit der Höhenlage des Lebensraumes zusammen. In den Niederungen setzt die Brunft in der Regel früher ein als in den Hochgebirgsrevieren und ist in den niederen Lagen auch früher beendet. Neben der Hauptbrunft gibt es noch eine Nebenbrunft, die Ende November/Anfang Dezember stattfindet. Hierbei werden Ricken beschlagen, die zur Zeit der Hauptbrunft noch nicht geschlechtsreif waren. Das Kurzwildpret der Böcke verändert sich im Jahreslauf. Während der Brunft weisen die Brunftkugeln ihre größte Masse und Aktivität auf und werden danach wieder zurückgebildet. Die Nebenbrunft wird dann nur noch mit „Restmaterial“ aus den Nebenhoden bestritten. Bei den Ricken werden Schmalrehe zuerst brunftig, führende Geißen bilden den Schluss.

Die Böcke finden die Ricken über olfaktorische (Geruch) und akustische Signale. Dies Fiepen ahmt der Jäger bei der Blattjagd nach. Hat der Bock eine Ricke ausgemacht, beginnt das „Treiben“. Dabei kontrolliert der Bock immer wieder die Genitalregion der Ricke. Dieses Schauspiel kann sich von wenigen Stunden bis über mehrere Tage erstrecken. Das „Treiben“ fördert bei der Ricke den Follikelsprung. Es kommt zu Imponierverhalten beim Bock und Demutsgesten bei der Ricke. Der Beschlag selbst besteht aus einem kurzen Aufreiten des Bocks.

Die Brunft der Ricke dauert drei bis vier Tage, danach verlässt sie der Bock, um Ausschau nach anderen weiblichen Stücken zu halten. Führende Ricken verlassen ihre Kitze nur für die Zeit des Treibens und des Beschlags und kehren umgehend wieder zu ihrem Nachwuchs zurück.

Dabei steht die Ricke ständig olfaktorisch und akustisch im Kontakt mit ihrem Nachwuchs. Außergewöhnlich ist beim Rehwild die Entwicklung des Embryos. Bekannt ist seit langem, dass Rehe eine Diapause einlegen, in welcher der Keim in einem frühen Stadium verharrt. Ungeklärt blieb jedoch, was nach der Pause von vier Monaten die weitere Entwicklung des Embryos einleitet, sodass im Mai/Juni ein bis zwei Kitze gesetzt werden können.

Forscher an der Universität Aberdeen haben herausgefunden, dass der Embryo ein spezifisches Protein (PAG = Paregnancy Associated Glycoprotein) aussendet, um dem Muttertier- Organismus das Signal zur Weiterentwicklung zu übermitteln. Diese „innere Uhr“ des Embryos ist ein spezifisches Merkmal des Rehwildes und verleiht ihm eine Sonderstellung.

 

D A M W I L D

Das Damwild ist einige Wochen später als das Rotwild in Brunftlaune. So findet das Brunftgeschehen von Mitte Oktober bis Mitte November statt. Dabei schlagen die Hirsche Brunftkuhlen, in welche die Tiere nässen und sich darin wälzen. Es wird ebenfalls ein Brunftrudel etabliert, welches gegen Konkurrenten vehement verteidigt wird. Kämpfe finden meist zwischen Tieren gleichen sozialen Ranges statt. Untersuchungen haben gezeigt, dass die weiblichen Stücke sich dabei nicht an dem Hirsch orientieren, sondern an der Ansammlung anderer weiblicher Tiere, also der Größe des Harems.

Foto: Loflo/stock.adobe.com
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Foto: gidriius/stock.adobe.com
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Nach einer Tragzeit von siebeneinhalb Monaten separieren sich die hochbeschlagenen Tiere, um meist ein, selten zwei Kälber zu setzen. Die Säugezeit der Kälber erstreckt sich über vier Monate. Nach 16 Monaten sind die weiblichen Tiere geschlechtsreif, die Hirsche mit 17 Monaten.

Die weiblichen Stücke treten fortan in den Reproduktionskreislauf ein, für die Hirsche heißt es erst einmal warten. Selten sind sie in der Lage, vor dem vierten Lebensjahr aktiv in das Brunftgeschehen einzugreifen. Bei den Alttieren ist ab acht Jahren ein Rückgang der Fruchtbarkeit festzustellen.

Foto: dieter76/stock.adobe.com
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