Langeweile – Gift für die Psyche

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Die meisten Wildarten haben Schonzeit. Der Jäger und sein Hund haben weniger zu tun. Doch wer rastet, der rostet.

Mit dem Ende der Hauptjagdzeit wird es auch für den vierbeinigen Jagdfreund etwas ruhiger. Wer jedoch meint, der Auslauf sei kein Problem, er habe schließlich einen großen Garten, der irrt. Solch eine Hundehaltung ist keinesfalls ausreichend und schon gar nicht artgerecht. Tatsache ist, dass ein ausschließlich auf dem Grundstück seiner Besitzer lebender Hund vereinsamt, er befindet sich – drastisch ausgedrückt – in Einzelhaft und läuft Gefahr, neurotisch zu werden. Er ist weder psychisch noch physisch ausgelastet. Letzteres schon deshalb nicht, weil ein Hund sich auch im größten Garten nicht von allein austobt.
Leider machen sich viele Hundebesitzer nur Gedanken über Fütterung und Pflege oder wann die nächste Impfung ansteht.

Ob aber dem Bewegungsdrang des Vierläufers, seinem Bedürfnis nach Informationen und Kontakten mit Artgenossen Genüge getan wird, darüber denken nicht allzu viele Menschen nach. Denn auch der tägliche „Gassigang“, bei dem man zwischen Frühstück und Fahrt zur Arbeit mit dem Vierbeiner um die Ecken saust – nur darauf bedacht, dass der so schnell wie möglich „sein Geschäft verrichtet“ –, reicht nicht.

„BUNTE ERLEBNISWELT“
Der Vierbeiner hat vielmehr ein Anrecht darauf, bei jedem Wetter ausreichend ausgeführt zu werden. Hunde sind zum Laufen geschaffen, natürlich je nach Größe und Rasse unterschiedlich. Die Anstrengung und Bewegung beim Auslauf bedeuten für unsere Vierbeiner nicht nur Muskelaufbau, Bänderdehnung und Förderung der Herz- und Lungenkapazität. Genauso wichtig ist, was der Hund über seinen Geruchssinn aufnimmt, also die Informationen und Anregungen, die ihm durch die Duftmarken seiner Artgenossen sowie die Umwelt vermittelt werden. Wer kennt nicht die Situation, dass sein Hund sich von einem spannenden Wegstück kaum trennen kann, bevor er selbst seine „Visitenkarte“ hinterlässt, die dann alle nach ihm kommenden Artgenossen ebenso begeistert „lesen“. Hunde sind in der Lage, ganz exakt zu differenzieren, wer in welcher Reihenfolge sich wo aufgehalten hat. So kann es durchaus vorkommen, dass sich beim „Lesen“ plötzlich das Nackenfell sträubt (das war dann sicher die Botschaft eines Nebenbuhlers) oder er vor Begeisterung die Augen verdreht, wenn er die Duftnote einer läufigen Hündin entdeckt.

Da wir nicht in der Lage sind, an dieser Erlebniswelt teilzuhaben, sind wir leider allzu oft bestrebt, den Hund davon wegzuziehen, da es uns an Zeit fehlt. Damit nehmen wir ihm aber die Gelegenheit, sich intensiv mit seiner für ihn großartigen, packenden und farbigen Geruchswelt auseinanderzusetzen. Und dem „Gartenhund“ bleibt diese wunderschöne Hundewelt ganz verschlossen. Er hat keine Gelegenheit, sein Verhaltensrepertoire anderen Artgenossen gegenüber zu entwickeln. Er kann in seiner Isolation keine sozialen Erfahrungen machen, die ihm Sicherheit verleihen beim Kontakt mit Artgenossen.

Leider gibt es auch noch Zeitgenossen, die, aus welchen Gründen auch immer, ihrem vierbeinigen Kameraden jeglichen Kontakt mit Artgenossen verwehren. Damit erziehen sie ihn zur Ängstlichkeit, was schlussendlich zur Aggressivität und damit erst recht zu Problemen bei Begegnungen mit anderen Hunden führen kann. Wer seinen Hund zu stark vor der Außenwelt abschirmt, ihn ausschließlich im eingezäunten Terrain hält, schadet seiner Psyche.

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ABWECHSLUNG STATT MONOTONIE
Wie sollte nun der optimale Hundespaziergang aussehen? Der Hund muss ausreichend Zeit erhalten, seine „Geschäfte zu erledigen“. Dazu kommen Sozialkontakte (Zusammentreffen, Beschnüffeln und Herumtoben mit Artgenossen) und das Erkunden der Umwelt durch ausgiebiges Erschnüffeln hinterlassener Botschaften. Schließlich und endlich folgt der Auslauf, der durch verschiedene Spiele und Übungen interessant und abwechslungsreich gestaltet werden sollte. Über Länge und Intensität entscheidet die Bewegungsfreude des Hundes. Ob wir richtig dosiert haben, merken wir nach der Rückkehr: Schläft der Vierbeiner bald zufrieden, war der Auslauf gut, tobt er aber ungehemmt weiter im Haus herum, war der Spaziergang zu kurz oder zu erlebnislos.

Und dem können wir abhelfen. Jede Strecke kann zum Erlebnisparcours werden, ob Park, Feld oder Wald (dabei aber die Bestimmungen über Leinenzwang usw. beachten!). Hunde sind „Nasentiere“ – also bieten sich Suchspiele an, bei denen vom Lieblingsspielzeug bis zum Leckerli alles „verloren“ werden kann, um anschließend gesucht zu werden. Umgestürzte Bäume laden zum Balancieren oder Drüberspringen ein. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Spiele kann man natürlich auch wunderbar mit Gehorsamsübungen verbinden. Und eins darf natürlich nie vergessen werden: Nach jeder gelungenen Übung kommt das große Lob.

Wichtig ist auch, nicht immer dieselbe Strecke zu laufen. Das wird mit der Zeit für beide, Hund und Führer, langweilig. Wenn der Spaziergang nicht nur ein stupides, stummes Vor-sich-Hintrotten von Herr und Hund ist, sondern ein gemeinsames Erkunden der Umgebung, wird es ein tägliches wunderschönes Miteinander, von dem beide profitieren, sowohl physisch als auch psychisch.

Übrigens, auch eine richtige Ernährung hilft dem Hund, den Winter weitgehend unbeschadet zu überstehen. Mit einer Nahrung, die reich an Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren ist, werden Hautfunktion und Abwehrreaktionen sehr gut unterstützt. Auch dem Verdauungsapparat gilt im Winter verstärkte Aufmerksamkeit. Viele Hunde lieben es, Schnee zu fressen, was leider nicht selten zu massiven Problemen führt. Die beginnen schon im Hunderachen, wo Mandelentzündungen die Folge des Schneefressens sein können. Es kommt auch vermehrt zu Durchfällen. Die Losung ist nicht selten mit Blut vermischt. Dann sollte der Gang zum Tierarzt eingeplant werden.

Eine weitere „Winterkrankheit“ ist die oft zu beobachtende Gewichtszunahme bei Hund und Führer, bedingt durch mangelnde Bewegung. Hier kann Abhilfe durch eine kalorien- und fettreduzierte Nahrung (für beide!) geschaffen werden.

Hans-Joachim Swarovsky