Die zehn heiligen Tage

Hirschbrunft! Welch ein Zauberwort für den Jäger! Wer das nicht in vollen Zügen genossen hat, weiß nichts vom Hirschfieber und von jenen ruhelosen Nächten.

Reiner Bernhardt
Reiner Bernhardt

Ob in der Heide, im Auwald, im Bergland oder in weiter Schilf- und Moorwildnis – überall, wo der Hirsch brunftet, ist auch der Jäger dabei. Keine andere Zeit beim Rotwild reizt ihn stärker als die Brunft. Sobald es in den Wäldern wieder unruhig zu werden beginnt, wenn die ersten Schreie ankündigen, dass das geruhsame Leben der Hirsche dem Ende zugeht, dann scheut der Jäger keinen Weg und keine Anstrengung. Er schmiedet Pläne und träumt sich in die Nähe des lang ersehnten Kapitalen.
Auf diese Weise über den Reiz  des Jagens erfährt er das ganze  Geheimnis einer Landschaft, ist  nicht nur stiller Betrachter, sondern  lebt mit in der Welt der Hirsche.  Das Schauspiel der Recken unserer  Wälder hat ihn gepackt.
Duell der Stimmen
Sternfunkelnde Nacht umgibt mich  und drüben im lichten Hochwald  das nächtliche Treiben – die nächtliche  Ruhe? In Pausen nur meldet  der Hirsch. Wie erschöpft nach  ruheloser Nacht hören sich seine
lang gezogenen Rufe an – matt ihr  Widerhall. Plötzlich ganz aus der  Nähe ein Schrei, dass mir ein Schauer  über den Rücken läuft. Aufreizend  klingt das Melden des Hirsches, als  ob er dem Gegner drüben im Holz  zurufen wollte: Hier bin ich, komm  näher, zeig dich! Wie ein unruhiger  Geist streift er hin und her – und mit  einem Mal steht die Riesengestalt  im blassen Morgenlicht ganz frei auf  dem Weg vor meinem Sitz. Weiß die  Spitzen der Enden, die Krone nach  innen gebogen – ein Geweih wie  zum Kranz geflochten …

stephanmorris/istockphoto
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Endlich – vom Rand des Hochwaldes  herüber ein donnernder Schrei und  ins Echo hinein die Antwort: eine  Herausforderung!
Nicht Rückzug, nicht Aufgabe. Das  Kahlwild scheint den Weg hierher zu  nehmen, näher und näher zieht der  Hirsch, dröhnen die Stimmen gegeneinander.  Da, das erste Tier tritt ins  Freie, gefolgt vom Hirsch. Zurück  sprengt er das Stück, wendet das  schwere Haupt, legt das Geweih  zurück und fordert den Wagemutigen  mit vollem Bass heraus. Der  Zweikampf beginnt – das Angreifen  und Ausweichen, das Schieben und  Drängen, mit ihren Geweihen versuchen  die beiden Kämpen, den Kampf  zu entscheiden …
Ein Schaustück im halbhellen  Morgen, wenn der Rivale den Platzherrn  attackiert. Plötzlich die Wendung:  Der Widersacher setzt an –  und als der Starke, der Langstangige  mit seiner vollen, weit ausladenden  Krone den Gegner annehmen will,  weicht der Zudringling blitzschnell  aus und sucht das Weite … begleitet  nicht vom zornigen Nachschreien  – eher von einem zufriedenen Vorsich-  hin-Rufen.
Bis sich die Sonne über den Wipfeln  der Kiefern zeigt, dauert der  Liebesreigen. Wie dann ein Tier aufmerkt,  mahnt und sich der Dickung  zuwendet, die andere Stücke mit  ihren Kälbern dem Leittier folgen und  der Hirsch, der Starke, der Gewaltige,  nachsetzt, greife ich zur Büchse.
Die „zehn heiligen Tage“ beenden?  Nein, morgen ganz in der Früh werde  ich wieder hier sitzen und auch die  Tage danach, dazugehören will ich, wenn sich die Hirsche in ihrer ganzen  Vollendung präsentieren.
Altweibersommer
Wenn an warmen Nachsommertagen  die Spinnweben des Altweibersommers  über die leeren Felder  treiben und die Abendkühle Frühherbststimmung  zaubert, flammt sie  noch einmal auf, die Hirschbrunft …
Endlich im Bodennebel des frühen  Morgens kommt er durch den Kiefernjungwuchs  gezogen. Schemenhaft  erblicke ich seine Gestalt, auf  und ab wiegt er sein Haupt, würdevoll  wie beim Kirchgang in der Feiste  sieht es aus.
Näher kommt der Hirsch, Schritt für  Schritt. Jetzt setzt er zum Rufen an, das  Geweih verschwindet in den Kiefern  und aus vollem Hals wirft er den Schrei  heraus, dass es dröhnt! Für Sekunden  steht der Geweihte breit, aber die  Kiefern geben nicht viel frei. Dann ein Huschen. Aus ist der Traum vom  kapitalen 18-Ender! Ein leises Knacken  noch, dann geisterhafte Ruhe.
Am folgenden Morgen kein Ruf mehr,  kein Knacken im dickungsnahen  Holz. In den Kiefern funkelt der Altweibersommer;  da lasse ich’s genug  sein mit dem Ansitz und pirsche  hinüber zur Tannendickung gegenüber  der Wiese … Als ich auf den  Weg dahin einbiege, bewegen sich  kaum 20 Meter vor mir Laubholzäste.  Rot schimmert es durchs Blattwerk,  der Strauch beginnt zu leben und  vor mir steht – ein Junghirsch, ein  Sechser, ein guter Bekannter.
Der Altweibersommer hatte sich verabschiedet  – keine Spur mehr vom  starken Hirsch. Aber ich hatte ihn  erlebt mitten im Altweibersommer.  Schön war’s und Schönheit versöhnt  mich stets.

Hans-Dieter Willkomm