Ausgebrannt

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Stöbern in schwierigem Gelände verlangt Jagdhunden alles ab. Vor allem junge, hochläufige Hunde arbeiten dabei oft bis zur völligen Erschöpfung. Die Diagnose lautet dann meist Hypoglykämie – Unterzuckerung!

Als Jäger und Tierarzt, der seit 30 Jahren Hunde auf Bewegungsjagden führt, wurde ich mehrere Male mit für Jagdhunde lebensbedrohlichen Situationen konfrontiert. Nicht immer waren diese auf wehrhaftes Wild zurückzuführen, sondern auch zum Beispiel auf falsche Fütterung. Fast immer handelte es sich dabei um junge bis mittelalte Jagdhunde, die sehr passioniert waren und starken Finderwillen hatten. Diese Hunde zeigten nach drei bis vier Stunden intensiven Suchens bei teils schwierigen Geländeverhältnissen folgende Symptome:

Im Anfangsstadium hatten sie Schaum um den Fang. Nach weiterer Belastung fielen sie durch taumeligen, leicht unregelmäßigen Gang auf. In einigen Fällen äußerte sich die völlige Erschöpfung mit epilepsieähnlichen Krämpfen. Die Führer waren mit dieser Situation in der Regel überfordert. Zwei Fälle sind mir besonders in Erinnerung geblieben, diese möchte ich kurz vorstellen:

KOLLABIERT UND KAUM PULS

Beim ersten Fall handelte es sich um einen zweijährigen, großrahmigen, knapp 40 Kilogramm schweren DL-Rüden. Die VGP hatte er bereits bestanden. Der Vorstehhund fiel auf der Bewegungsjagd durch seine große Arbeitsfreude auf. Nach etwa zwei Stunden Stöberarbeit in einem Mittelgebirgsrevier hatte der Rüde viel Schaum vor dem Fang. Zudem suchte er während der Jagd immer häufiger seinen Führer auf, ließ sich aber vom Jagdbetrieb immer wieder zur Suche animieren. In der Mittagspause zeigt er dann deutliche Erschöpfungszustände, sodass er nach dem Wassersaufen im Geländewagen zum Ausruhen abgelegt wurde. Der Hundeführer war beunruhigt und schaute kurze Zeit noch einmal nach seinem Gefährten, der inzwischen wie tot im Wagen lag. Der Pulsschlag war kaum fühlbar Auch das Bewusstsein war deutlich reduziert. Zudem war er nicht mehr fähig, selbstständig aufzustehen. Ein Glukoseschnelltest bestätigte die Verdachtsdiagnose – absolute Hypoglykämie (Unterzuckerung). Der Vorstehhund hatte sich auf der Jagd also völlig verausgabt. Der Deutsch Langhaar benötigte als Erstversogung intravenöse, stark zuckerhaltige Infusionslösungen und ein Kreislaufmittel. Erst nach zwei Tagen stationären Aufenthalts in einer Klinik konnte der Rüde entlassen werden.

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Ein anderes Mal traf es einen 36 Kilogramm schweren DD-Rüden. Auch er war im zweiten Feld und kam nach zweistündigem, intensivem Jagen sichtlich erschöpft zu seinem Führer zurück. Dort begann er plötzlich zu zittern. Dies steigerte sich derart, dass der Hundeführer zunächst an einen epileptiformen Anfall dachte. Doch auch dieser Rüde hatte sich völlig verausgabt und war deutlich unterzuckert. Nach der Gabe eines hochkalorischen Energieriegels erholte sich der Hund recht schnell.

ACHTUNG

Schokoriegel sind bei hohem Schokoladenanteil durch ihren Theobromingehalt giftig. Zum Glück war es ein starker Rüde und die Menge an Theobromin im Riegel noch nicht toxisch. Auch dieser Hund jagte in einem durch seine bergige Struktur sehr kraftzehrenden Revier. Die Unterzuckerung äußerte sich in diesem Fall wie bei einem Diabetiker durch Krampfzustände.

URSACHEN UND LÖSUNGEN

Diese bedrohlichen Zwischenfälle kommen nicht sehr häufig vor, lassen sich aber auf Drück- und Treibjagden beobachten. Schlechter Trainingszustand, relativ hohe Temperaturen und ungenügende Flüssigkeitsaufnahme begünstigen diesen Umstand. Durch die anstrengende Arbeit entsteht infolge Hechelns ein Defizit im Wasserhaushalt (Schaumbildung). Außerdem werden während der Jagd und aufgrund der starken Atmung sehr viele Kalorien verbrannt. Bei den angesprochenen Hunden wurde notfallmäßig der Blutzuckerspiegel gemessen. Er lag weit unter dem Normbereich (bei gesunden Hunden 60 bis 120 mg / dL). Die Körpertemperatur fiel deutlich ab. Ohne professionelle Hilfe hätten die Hunde sterben können.

Es können natürlich auch andere Erkrankungen, beispielsweise Herzprobleme, Epilepsie oder Ähnliches, zu diesen Symptomen führen. Bei beiden Hunden handelte es sich jedoch ausnahmslos um gesunde Hunde, die allein durch ein falsches Futterkonzept und massive Überbelastung unterzuckerten. Beide Hunde wurden am Jagdtag übrigens nicht gefüttert, weil ihre Führer glaubten, dass nur hungrige Hunde gut jagen würden beziehungsweise grundsätzlich nur abends gefüttert wird.

ENERGIEREICHES FUTTER

Hundeführern rate ich daher, während der Drück- und Treibjagdsaison auf hochkalorisches Futter umzusteigen. Die Tagesration sollte während der Jagdsaison auf morgens und abends zu gleichen Teilen verfüttert werden. Eine Fütterung direkt vor der Jagd ist nicht empfehlenswert, da der Hund dann mit der Verdauungsarbeit belastet wird. Der Führer sollte seinen Hund daher zwei bis drei Stunden vor Jagdbeginn das letzte Mal füttern. Da viele Hunde während der aktiven Jagd meist kein Futter aufnehmen, besteht in der Mittags- oder während der Aufbrechpause die Möglichkeit, die Energiereserven des Hundes mit hochkalorischen Futtersnacks aufzufüllen.

Foto: liramaigums/stock.adobe.com
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MERKE

Zweimal am Tag füttern (morgens und abends) und während der Jagd kleine Energieriegel anbieten. Zudem sollte dem Hund immer genügend Wasser zur Verfügung stehen. Krampfenden Hunden, die keine feste Nahrung (Energieriegel) aufnehmen können, sollte vorsichtig Traubenzucker (Glukoselösung) in den Fang getropft werden

Dr. Gereon Winkler