Aufregung im Erlenbruch

Kahle

Mit dem Chef des Jagdbüro  E. Kahle – Jörg Eberitzsch – auf Hirschbrunft in Masuren

„Wo kommt der denn so plötzlich her?“, fragte ich meinen Jagdkumpel   verdutzt.   Es  war  mitten in der Brunftzeit in einem schön gelegenen Revier in Masuren. Wir saßen gerade an einer Waldkante an und warteten darauf, dass Rotwild  aus dem Bestand hinter uns austritt. Vor uns erstreckte sich eine große Feldmark mit einem Topinamburacker, einem Luzernefeld und Wildwiesen.

Kahle
Kahle

Pustekuchen. Nicht wie „geplant“ von hinten, sondern aus der Feldmark kam er angewechselt, ein reifer alter Hirsch. Das war er, den wollte ich haben. Doch bevor wir die Situation erfasst hatten, trollte er sich schon in den Topinamburschlag und war gleich darauf im anschließenden Erlenbruch verschwunden.

Zu sehen war er zwar nicht mehr, aber  hören  konnte  man  ihn  gut. Gleich hinterher kam der Platzhirsch– ein sichtbar stärkerer, jedoch jüngerer Rivale. Im Topinamburacker angekommen machte er mit lautem Röhren deutlich, wer hier der Chef ist. Dann wechselte er zurück zu einigen Stück Kahlwild, um dort seinen Anspruch mit erneutem Brunftgeschrei geltend zu machen.

Kahle

Der Jüngere war nun gut anzusprechen, aber den wollten wir ja nicht. Wo blieb nur der „Alte“? Der lieferte sich mit seinem Rivalen ein kräftiges Konzert. Wir harrten der Dinge und warteten gespannt, was als Nächstes passieren würde.

Plötzlich hörten wir ein deutliches Rufen aus dem Erlenbruch und kurz  darauf  stand  der  Gesuchte im Luzerneschlag gemeinsam mit einem Stück Kahlwild samt Kalb. Drei Viertel durch die Luzerne verdeckt war nur seine Rückenlinie auszumachen. Fleißig meldete er weiter Richtung seines jüngeren Rivalen. Geduld.

Dann röhrten wir den Hirsch an und er zog auf einmal an. Nochmaliges Anröhren. Vollkommene Konzentration, die Aufregung, soweit es geht, unterdrücken. Anlegen, zielen und der Lebenshirsch lag im Feuer.

Kahle
Kahle

Eigentlich hatte ich beim Schuss ein gutes Gefühl, dennoch hörten wir ein deutliches Brechen im Unter- holz. Abwarten. Die Nervosität stieg und die üblichen fünf Minuten des Wartens zogen sich wie Kaugummi. Endlich war es so weit und wir liefen zum Anschuss. Nichts. So ein Mist. Da, wo der Hirsch gelegen hatte, war gar nichts außer Schweiß und plattes  Gras. Das bedeutete,  sich eine Nacht mit Grübeln um die Ohren zu schlagen. An Schlaf war nicht zu denken.

Am kommenden Tag, ganz in der Früh, machten wir uns endlich auf die Nachsuche. Denn was man begonnen hat, muss man auch vernünftig zu Ende führen. Kein schönes Gefühl, lässt sich aber leider nicht ändern.

Also setzte ich meinen kleinen Rauhaardackel-Rüden am Anschuss an und schon 40 Meter später war der Spuk vorbei und der vermutete beidseitige Laufschuss entpuppte sich als Tiefblattschuss. Glücklicherweise nur eine Totsuche. Also hatte mich mein Gefühl doch nicht getrogen. Mir viel ein Stein vom Herzen und die Erleichterung wich einer unbändigen Freude. Mein Grinsen wurde immer breiter, denn endlich lag er vor mir, mein Lebenshirsch.

Kahle
Kahle

Was  für   ein  Jagderlebnis,  was für eine Berg-und-Tal-Fahrt der Gefühle nach 16 Jahren Brunftjagd-Abstinenz! Die Trophäe des alten Recken, eines zwölfjährigen  ungeraden 14-Enders, mit guten sechs Kilo wird mich noch lange daran erinnern.

rg Eberitzsch